TOTENTANZ

Samstag, 14. November 2015 – 19 h Dom zu Maria Saal Sonntag, 15. November 2015 – 19 h Pfarrkirche Spittal an der Drau AUSFÜHRENDE Kärntner Madrigachor Klagenfurt Leitung: Klaus Kuchling Anna Hein – Choreographie &Tanz Michael Erian – Saxophon Dietmar Pickl – Der Tod Maximilian Achatz – Rezitation Sarah Rebecca Kühl – Rezitation Robert Rasch – Violoncello Karl Stuppnik – Kontrabass Gernot Kacetl – Orgelpositiv Stefan Schweiger – Licht und Technik PROGRAMM Heinrich Schütz (1585-1672)  Fünf Motetten aus »Geistliche Chormusik 1648« Also hat Gott die Welt geliebt – SWV 380 Unser keiner lebet ihm selber – SWV 374 So fahr ich hin zu Jesu Christ – SWV 379 Selig sind die Toten – SWV 391 Die mit Tränen säen – SWV 378 Hugo Distler (1908-1942) – Totentanz op.12 Chorsprüche nach Angelus Silesius, Dialoge von Johannes Klöcking Laß alles, was du hast, auf daß du alles nehmst! Mensch, die Figur der Welt vergehet mit der Zeit. Wann du willst gradeswegs ins ew´ge Leben gehn. O Sünder, wann du wohl bedächtst das kurze Nun. Dein bester Freund, dein Leib, der ist dein ärgster Feind. Der reiche dieser Welt, was hat er für Gewinn. Freund, streiten ist nicht g`nug, du mußt auch überwinden. Die Welt ist deine See, der Schiffmann Gottes Geist. Das überlichte Licht schaut man in diesem Leben nicht anders. Freund, wer in jener Welt will lauter Rosen brechen. Auf, auf, der Bräut`gam kömmt! Mensch, wenn die auf der Welt zu lang wird Weil und Zeit. Die Seele, welche hier noch kleiner ist als klein. Die Seele, weil sie ist geborn zur Ewigkeit.
stefanschweigertotentanz_7_res stefanschweigertotentanz_4_res stefanschweigertotentanz_2_resFotos@Stefan Schweiger
Schönheit, Zuversicht und ein Tanz mit dem Tod 1648, in demselben Jahr als Heinrich Schütz seine Geistliche Chormusik veröffentlicht, endet der Dreißigjährige Krieg. Kämpfe, Plünderungen, Hunger und Seuchen haben einen großen Teil der Bevölkerung hinweggerafft. Der Tod ist in dieser Zeit allgegenwärtig. Doch wenn Heinrich Schütz sich in seiner Msuik mit dem Sterben auseinandersetzt. dann klingt nur selten die Klage durch. Im Gegenteil, jene Versen aus Luthers Bibelübersetzung, die Schütz vertont, künden von der festen Überzeugung, dass der Tod seinen Schrecken verloren habe. Seine Kunst stellt der Komponist ganz in den Dienst dieser Botschaft. Im Wechselspiel zwischen den Stimmen wird der Text musikalisch variiert und dabei immer wieder neu ausgedeutet. An den theologisch wichtigsten Stellen – jenen, die uns ein Leben nach dem Tod versichern – geht die kunstvolle Mehrstimmigkeit über in eine gemeinsame Klangrede: Diese Musik will nicht bloß gefallen, sie will überzeugen. Hugo Distler nimmt in seinem Totentanz diese besondere Art, den Text musikalisch auszudeuten, auf und überträgt sie ins 20. Jahrhundert. Die vierzehn Chorstücke sind kurz und konzentriert. Distler wählt jeweils nur zwei oder vier Verse des Barockdichters Angelus Silesius. Das Spektrum der musikalischen Mittel aber reicht vom Choral bis hin zu einer rhytmisch anspruchsvollen Mehrstimmigkeit. Dem Chor verlangt Distler dabei sehr fein differenzierte Klangfarben ab. Zwischen den Chorstücken stehen Dialoge, die von Distlers Zeitgenossen Johannes Klöcking verfasst wurden. Die Inspiration für den Text und auch für Distlers Musik war der Lübecker Totentanz. Diese Gemälde aus dem 15. Jahrhundert waren in der Marienkirche zu Lübeck zu sehen und als eine der bedeutendsten Totentanzdarstellungen berühmt. 1942 wurden sie bei einem Luftangriff vollständig zerstört. Es ist dasselbe Jahr, in dem Hugo Distler seinem Leben selbst ein Ende setzte. Fotos vom Konzert in Spittal @ Josef Hermann Bildrechte Beitragsfoto Totentanz @ HSH/Kopfsalat Kreativteam
Totentanz: Gnadenlehrer von Graden 16. November 2015 DER STANDARD Ein Programm geistlicher Chormusik im Dom von Maria Saal Maria Saal – Klaus Kuchling hat für den von ihm geleiteten Klagenfurter Madrigalchor unter dem Titel »Totentanz« ein Programm zusammengestellt, das, zur Stimmung besser passend als gewünscht, am Tag nach den Pariser Anschlägen im Dom von Maria Saal präsentiert wurde. In fünf schwebenden Motetten seiner Geistlichen Chormusik von 1648 richtet Heinrich Schütz im ersten Konzertteil seinen Blick über den Tod hinaus auf die Erlösung. Souverän generiert der Chor die Klangschönheit der nuancierten Partitur, wobei er von Gernot Kacetl am Orgelpositiv allerdings auch wie auf Wolken gebettet wird. Nicht minder beeindruckend der zweite Teil mit den hauchfeinen Tongeweben aus Hugo Distlers Totentanz op.12/2. Trotz der Tonalität wirkt die 1934 uraufgeführte Komposition in der Originalität ihrer Vielstimmigkeit fast avantgardistisch. Zu den 14 Vertonungen von Zitaten aus dem Cherubinischen Wandersmann des Angelus Silesius sind Dialoge zwischen Mensch und Tod eingefügt, die auf den 1942 im Krieg zerstörten Lübecker Totentanz zurückgehen. Dietmar Pickl, Maximilian Achatz und Sarah Rebecca Kühl deklamieren sie weihevoll. Eine Neuzutat sind Tanzeinlagen Anna Heins von improvisationsnaher Leichtigkeit. Ein Einwand doch: Lang nachdenken über die Programmierung darf man nicht, sonst wird es verwirrend. Denn da ist einerseits Schütz, der sich ganz an Luthers Gnadenlehre und Bibelübersetzung hält, andererseits der zum Katholizismus konvertierte Angelus Silesius, der Luther als »Luzifer« titulierte. Und da ist der anerkannte Neuerer der evangelischen Kirchenmusik Distler (1908-1942), der sich ausgerechnet Silesius-Zitate und als eingestreute Dialoge eine vom Lübecker Heimatkundler Johannes Klöcking stammende Barock-Attrappe aussucht, in der sich alles um gute Werke dreht. Wenn man sich diese Mischkulanz gut ökumenisch zu erklären versucht, bleibt noch immer die Frage, wo die von Distler und Klöcking so eingeforderten guten Werke in ihren Verhältnissen zum Nationalsozialismus geblieben waren. Michael Cerha
Spiel mir das Lied vom Tod 16. November 2015 KLEINE ZEITUNG Madrigalchor bat zu modernisiertem Totentanz in den Dom zu Maria Saal Der Kärntner Madrigalchor sowie ein Ensemble bestehend aus den Schauspielern und Musikern hätten im Vorfeld ihrer Probentätigkeit wohl nicht im Entferntesten daran gedacht, welche traurige Aktualität ihre Darbietung in sich bergen würde. Dass das Genre des mittelalterlichen Totentanzes mit der Düsternis der grauen Novemberabende korreliert, schon eher. Zu Beginn kam man in den Genuss von fünf Motetten aus der »Geitlichen Chormusik« von Heinrich Schütz. Die Musik dieses frühen Barockmeisters erfuhr in den sakralen Gemäuern eine ambitionierte Deutung. Klaus Kuchling führte »seinen« Chor in gewohnt souveräner Manier, über den einen oder anderen kleinlauten Einsatz hörte er gnädig hinweg. Im Mittelpunkt des Abends stand Hugo Distlers »Totentanz«, dessen besonderer Reiz das Spiel mit organumähnlichen Parallelbewegungen im Gegensatz zu mit Spannungstönen versehenen Harmonien des 20. Jahrhunderts ausmacht. Die anspruchsvollen Chorsätze wurden mit großem Enthusiasmus vorgetragen, den schwierigen akustischen Gegebenheiten begegnete der Chor mit hoher Konzentration. Zwischen den einzelnen Stücken rezitierte Maximilian Achatz aus Texten von Distlers Zeitgenossen Johannes Klöcking; Dietmar Pickl fügte sich in der Figur des Todes in das Geschehen. Diesen Zwischenspielen setzten Michael Erian am Saxofon sowie die Ausdruckstänzerin Anna Hein echte Sahnehäubchen auf: In beeindruckender Manier zelebrierten die beiden ein Zusammenspiel, das von präzisem aufeinander Hören geprägt war! Anna Hein bestach mit harmonischer und äußerst synchroner Bewegung. Michael Erian entlockte seinen Instrumenten eine breite Palette unterschiedlichster Töne und Geräusche: vom fernen Sphärenklang bis zum melancholischen Blues. Stefan Schweigers licht- und tontechnische Unterstützung tauchte die Performance in ein würdiges Ambiente. Das Konzert wurde gestern Abend in Spittal/Drau wiederholt. Bernhard Bayer
Aus der Dunkelheit in das Licht 15. November 2015 KRONEN ZEITUNG Kärntner Madrigalchor Klagenfurt bündelt kreative Kräfte für den »Totentanz« Freitagabend liegt der Kirchenraum des Maria Saaler Doms im Halbdunkel: Unter dem lieblichen Marienaltar mit seinen lachenden Engeln hat sich der Madrigalchor aufgefädelt. Die letzte Probe, die letzten Anweisungen von Klaus Kuchling, bevor der Tod in der Kirche singt, tanzt, spricht und nimmt. Es ist ein ambitioniertes Projekt, mit dem der Organist und Chorleite Motetten aus »Geistliche Chormusik 1648« von Heinrich Schütz mit Hugo Distlers »Totentanz« verzahnt und so die Statik herkömmlicher Chorkonzerte aufbricht und bereichert: mit der grandios-narrativen Tanzkunst Anna Heins, die im ästhetischen Dialog mit Michael Erians kontemplativer Saxofon-Stimme mit dem Kapuzenmann um das Leben ringt. Fantastisch das Aufwerfen und Stocken, Straucheln und sich fügen in das Unausweichliche der grazilen, international renommierten Tänzerin und Choreografin aus Spittal, das Dietmar Pickl als Raum und Geist füllender Tod mit Wucht und Würde personifiziert. Maximilian Achatz und Sarah Rebecca Kühl (Theater WalTzwerk) schenken dem menschlichen Hader um die eigene Sterblichkeit quer durch Geschlecht und Rang ihre eindringlichen Sprechstimmen. Vollmundig, glänzend und getragen von tiefer sakraler Andacht, die Schütz den Sängern in den Mund legt, meistert der große Chor auch schwierige Stellen ohne nennenswerte Probleme und bettet Trauer und Hoffnung, Todesfurcht und Gotteslob in ausdrucksstarke, feinnervige Sangeskunst. Irina Lino
Totentanz Gedanken zur Aufführung des Staunens von Inge Schnabl, Konzertbesucherin Es war nicht irgendeine Aufführung, es war etwas Einzigartiges. Losgelöst vom Alltagsgetriebe, hineingenommen in ein Sein, das uns selten, wenn überhaupt, bewusst wird und von dem ich sagen kann, es war etwas, das die Seele zutiefst berührt hat. Wohl deshalb dieses Brührtsein, um mit Angelus Silesius zu erkennen: Die Seele, weil sie geborn zur Ewigkeit. Es ist mir schwer gefallen, den heiligen Raum zu verlsaaen, die heilige Stille, das heilige Licht, die heilge Dunkelheit, den heiligen Frieden, das heilige Erbarmen. Vielleicht war es ein Augenblick des Erfassens der unendlichen Ewigkeit. Prof. Kuchling und seinem Madrigalchor – vielen Dank!