Melissa Dermastia

Abwechslung, Begeisterung und lange Listen mit guter Musik

Melissa Dermastia ist seit Beginn des Jahres 2017 stellvertretende künstlerische Leiterin des Kärntner Madrigalchors. Sie wurde 1990 geboren und studierte in Wien und Paris. Zur Zeit arbeitet sie als Dommusikassistentin in Klagenfurt und pendelt zwischen Klagenfurt und Wien.

Melissa Dermastia
Melissa Dermastia (Foto: privat)

Melissa, Du hast im Kirchenmusikstudium einen Schwerpunkt auf Ensembleleitung gelegt, stehst unmittelbar vor dem Abschluss im Konzertfach Orgel und studierst auch noch Klavierpädagogik. Daneben bist Du auch als Sängerin und als Chorleiterin tätig. Wie gelingt es Dir, Dich in so vielen künstlerischen Bereichen gleichzeitig zu entwickeln?
Ich glaube das liegt daran, dass ich eher der Typ Mensch bin, der sich nicht zu lange auf dieselbe Sache konzentrieren kann und immer ein bisschen mehr Abwechslung braucht. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass jeder dieser Bereiche die anderen positiv beeinflusst. Ein Organist, der auch gerne selber singt, wird anders phrasieren als jemand, der nie singt, denn der „Atem“ in der Musik ist auch für Instrumentalisten wichtig. Ebenso hilft auch das Dirigieren beim Musizieren allgemein, da man einen besseren Blick auf das ‚große Ganze‘ bekommt.

Du arbeitest als Kirchenmusikerin am Klagen­furter Dom und auch darüber hinaus mit Chören. Warum jetzt auch der Madrigalchor?
Momentan leite ich den Domkinderchor, organisiere das Jugendchorprojekt, helfe hie und da bei den anderen Domensembles aus und leite meinen eigenen Kirchenchor in Wien. Auch hier gilt für mich das Prinzip der Abwechslung: Mein Kirchenchor ist ein eher kleiner Chor, mit dem man nicht unbedingt große Bruckner-Motetten oder Stücke machen kann, die über die Vierstimmigkeit hinausgehen. Das ist mit einem größeren Chor leichter realisierbar. Außerdem ist es auch sehr erfrischend, nicht nur geistliche Literatur aufzuführen – da bin ich beim Madrigalchor richtig aufgehoben!

Was war Deine erste Erfahrung mit diesem Chor?
Das war eines meiner einprägsamsten Chor­erlebnisse überhaupt: Wir durften mit dem Schulchor des BRG Viktring bei einem Konzert des Madrigalchors mitwirken. Am Programm standen Bachs Magnificat und Händels Ode for St. Cecilia’s Day. Es war das erste Mal für uns Schüler, dass wir gemeinsam mit einem Orchester singen durften. Außerdem waren wir von der Qualität des Madrigalchors beeindruckt – die Sänger konnten viel schneller als wir Schüler neue Stücke lernen. Wir haben ein Jahr lang dafür geprobt. Zum Schluss konnten alle ihre eigene Stimme wie im Schlaf singen – auch heute kann ich meine Stimme noch fast auswendig. Das war für uns alle ein unvergessliches Erlebnis!

Wie war es dann im letzten Jahr, selbst mit diesem Chor zu arbeiten?
Nachdem ich 2009 nach Wien ging, hatte ich keine Berührungspunkte mehr mit dem Chor. Mit meiner Anstellung am Klagenfurter Dom hat sich das geändert. Als mich Klaus Kuchling gefragt hat, ob ich nicht einsteigen möchte, war ich zunächst unsicher, weil ich den Chor eigentlich gar nicht kannte und auch der Chor mich nicht. Ich wusste nicht, wie die Chormitglieder auf mich reagieren würden. Ich habe aber bei der ersten Probe schon gespürt, dass die Stimmung gut ist, und bin jetzt sehr glücklich, Teil des Chores zu sein.

Wie ist es, abwechselnd die Proben zu leiten und selbst im Chor mitzusingen?
Das ist für mich nicht ungewohnt. Im Studium haben wir das im Kirchenmusikchor, der zu einem Großteil aus Sängern des Arnold Schönberg Chors besteht, auch so gemacht. Ich finde, dass ein Chor von verschiedenen Chorleitern profitieren kann, da ja jeder eine andere Schwerpunktsetzung hat. Es ist auch schön, zwischen den Positionen hin- und herzuwechseln. Wenn man dann im Chor mitsingt bei einem Stück, das man nur dirigiert hat, gibt es manchmal diesen Hoppla-Effekt: ‚Das ist ja gar nicht so leicht!‘ Das ändert dann auch den Blickwinkel auf ein Stück.

Gibt es etwas am Madrigalchor und der musikalischen Arbeit von Klaus Kuchling, das Dir besonders gefällt?
An Klaus gefällt mir, dass er so für die Musik brennt und dass er permanent intensive Überzeugungsarbeit leistet. Für den Chor erschließt sich nicht jedes Stück sofort: Wie oft probt man als Chorleiter ein neues Stück zum ersten Mal und sieht dann lauter ratlose Gesichter vor sich! Da ist es wichtig, dem Chor das Stück richtig schmackhaft zu machen – so kann sehr schnell auch aus schwierigeren Werken „Musik“ werden.

Worauf legst Du selbst in der Probenarbeit besonders wert?
Wichtig ist für mich, dass von vornherein auch schon der Ausdruck bzw. die Richtung der Musik und Phrasierung mitgeprobt werden. Wenn ein Musiker sagt, dass er einen Fehler gemacht hat, meint er meistens eine falsche Note. Dabei gibt es so viele andere Aspekte, die wichtiger sind als die ‚richtigen‘ Töne. Das Tempo, die Dynamik, die Phrasierung, der allgemeine Ausdruck, die Betonung und Aussprache der Wörter etc. Für mich ist es wichtig, sofort auf alle Aspekte zu achten, damit es auch von vornherein Musik ist und nicht bloß eine Aneinanderreihung von ‚richtigen‘ Tönen.

Welches Repertoire würdest Du mit dem Chor in Zukunft gerne erarbeiten?
Ich habe bei meiner Diplomprüfung die Messe von Frank Martin dirigiert, das ist sozusagen mein Herzstück. Wenn ich dazu noch einmal kommen würde, wäre ich sehr glücklich! Nachdem ich natürlich auch von Erwin Ortner beeinflusst bin, brenne ich für die Motetten von Schütz, Bach, Brahms, Mendelssohn oder Bruckner. Große Chor- und Orchesterwerke wie die Passionen von Bach dürfen natürlich auch nicht fehlen. Ein Werk, das mich unglaublich beeindruckt hat, ist auch der Totentanz von Wolfgang Sauseng … Die Liste ist lang! Solange Musik schön musiziert ist, lasse ich mich für sehr vieles begeistern!

Gibt es chorfreie Zeiten in Deinem Jahr oder Urlaub von der Musik?
‚Musikfreie‘ Zeit nehme ich mir am liebsten zwischendurch, meistens, wenn ich ein größeres Projekt hinter mich gebracht habe und der Terminplan es erlaubt. Sehr gerne mache ich mit meinem Freund kurze Städtetrips. Die schönste Form von Urlaub ist für mich aber, wenn ich nach ein paar Stunden Arbeit den restlichen Tag einfach genießen kann.

Welche Musik hörst Du gerne, die so gar nichts mit Deiner Tätigkeit als klassischer Musikerin oder Chorleiterin zu tun hat?
Das ist meine Lieblingsfrage! Ich bin ja abseits von Klassik noch im Rock- bzw. Alter­native-Bereich zuhause. Meine Lieblingsband ist Pearl Jam. Die Band habe ich schon elf Mal in neun verschiedenen Städten Europas gesehen. Gleich darauf folgt Radiohead – die habe ich aber nicht ganz so oft live gehört. Sehr gerne höre ich noch Queens of the Stone Age, Muse, Sufjan Stevens, Beirut, José Gonzalez … Auch diese Liste ist lang!

(Juni 2017, Interview CH)