Madrigalchor Klagenfurt

Faschingskonzert

FASCHINGSKONZERT
19. Februar 2004 – Konzerthaus Klagenfurt
20. Februar 2004 – Spittl in Spittal an der Drau

AUSFÜHRENDE

Solisten
Gertraud Schmid – Sopran: Bürgersfrau, Anna Donner
Karin Prenner – Mezzosopran: Bassena
Gerd Kenda – Bass: Rhahtsherrh, Sarastrovic
Gabriel Lipuš – Bariton: Selim Bassa
Bernd Hemedinger – Tenor: Evangelist, Papa Gheno
Rita von Blaschkowitz – Sopran?: Mama Gheno
(Ist da nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit Rainhard Blaschitz festzustellen?)
Sebastian Klingenberg – Bassbariton?: Tom Gheno
(Der Künstler war leider verhindert und wurde dankenswerterweise in Klagenfurt von Sigismund Seidl und in Spittal von Hellmuth Drewes vertreten, die beide kurzfristig eingesprungen sind und ihre Rolle hervorragend gemeistert haben.)

Chor
Kärntner Madrigalchor Klagenfurt
Choreinstudierung – Klaus Kuchling

Orchester
Käfor – Kärntner Faschingsorchester
Konzertmeister – Helmut Rosson

Dirigent
Peter Planyavsky

PROGRAMM

Peter Planyavsky
Cactus Tragicus
Uraufführung

Peter Planyavsky
Das Lied von Rot und Tot
Männerchor

Peter Planyavsky
Die Schaffnerin aus Liebe

Einführung in die Werke

Cactus Tragicus:

Nach akribischen Recherchen – unter Einsatz einer Recherchenmaschine – ist es gelungen, eine weitere Kantate des berüchtigten P.P. Bach der Vergessenheit zu entreissen. »Cactus tragicus« (LWV 19204) spielt – zum Unterschied zum »Zufriedengestellten Autobus« – in der Heimat des Bach-Schwiegerneffen, und es ist diesmal ohne Zweifel das Sachsen des späten 17. Jahrhunderts. Damit kongruent ist ein deutlich höherer Anteil an nicht mehr gebräuchlichem Vokabular aus dem Spätbarock (»Was ists, das Sachsens traute Fluren allhier mit solch befremdlich Anblick dröbelt!?«). Im formalen Bereich lässt P.P. Bach mit einer neuen Technik der Themenvariation (Ricercare) aufhorchen (im Chor »Heureka caramba halleluja«). Und auch in dieser Kantate hat der etwas skurril wirkende Komponist erneut ein paar Mal Kontrafakturen zu Werken seines großen Onkels angefertigt (zu deutsch: hat ein paar Kleinigkeiten gestohlen). Höchst bemerkenswert ist die Verwendung des Contrabasso extra piccolo – ein Verwandter des um 4 Prozent häufigeren Violoncello piccolo, das ebenfalls auf dem Arm gespielt wird.

Sinfonia – in der man immerhin gleich erfährt, allwo und allwann allerley geschehen wird.

Aria con recitativo con arioso (Ei port! welch sonderbares Ungebilde?) worinnen ein Leipziger Rhahthsherrh ein ihm ohnbekanntes grünes Gebilde sichtet und es nach den Regeln der Logik zu classifizieren trachtet –

Coro (Heureka caramba halleluja) – worauf ob der Geistesleistung Jubel ausbricht.

Arioso (getreu dem Kirchenvater Sokrates) – wonach Rhahthsherrh seine Beweysführung abschliesset, was den

Coro (Heure-caramb-alleleluja) aufs neue zu Beifall animieret.

(il Arioso continuante con continuo) – worinnen der Rhahthsherrh seine Beweysführung gegen einen kleinmüthigen Einwand verteidigt.

Recitativo (Wer solche Eierköpfe hat) – worinnen das tumbe Volk von der Sache Kunde bekommt und alsobald in Scharen herzueilet.

Coro (Aua! Ups!) – worinnen ebenjenes Volk in höchst unmittelbaren Contacte mit dem sonderbaren Gebilde gerät.

Recitativ (Es geschah aber zu jener Zeit) – worauf nun aber eine Bürgersfrau aus Radebeul anreyset und in der

Aria (im Nachtgeschirr von meinem sel´gen Opa) sich erdreistet, eine andere Meynung über das sonderbare Dingens zu äußern, worüber der

Coro (Heur-amba-luja) von neuem begeystert ist.

Arioso (Mein werter Herr) – und ein andermal muß ein Vorwitziger belehret werden, daß er´s nit versteht, weil er »Knurst im Kopfe« hat.

Duetto (Ihr haltet mich wohl für beknackt?) – worinnen die Bürgersfrau und der Rhahthsherrh über das grüne Dingens in einen Streit geraten, der jedoch überraschend ausgeht,

Recitativ (Mit Freudentränen allenthalben) – was natürlich kurz commentiert werden muss.

Arioso (Mein Nam´ ist Caroline May) – worinen man erfährt, wie die Bürgersfrau zu ihrer Cactus-Kundigkeyt gekommen ist.

Recitativ (Und das Volk brachte Lollys und Brathühner) – wonach ein allgemeyner Freudentaumel anhebt und ein Volksfest in Gang kommt,

Coro (Oh Stachelbaum) – wobey sich die Menge und selbst der Rhahthsherrh in einem herzinnigen Liede äussern,

Recitativ (Tja, nun ist gewissermassen) – worüber der sonst so kluge Evangelist nichts rechtes zu sagen weiß.

Coro (Lob dem Schicksal) – worinnen noch einmal die Freude ausbricht und schlussendlich eine Idee auftaucht, wie man mit dem Cactusse weiter verfahren soll.

Das Lied von Rot und Tot:

Für die heitere Hälfte eines Konzertes des Chorus Viennenis fehlte noch ein passendes Stück; dem Komponisten wurde freie Hand gelassen. Nach kurzem Nachdenken entschied sich Planyavsky für ein gewisses altes Volkslied, das weitreichende Möglichkeiten der Textvariation zu bieten schienen (»heute bin ich…, und morgen bin ich…«)

Außerdem reizte ihn die zweischneidige Grundhaltung aus Todesahnung und Lässigkeit. Eines kam beim Komponieren zum anderen – neben einem sehr bekannten Südtiroler Volkslied steht unvermittelt das Dies irae (allerdings so wie die benachbarte Melodie in sattem vierstimmigen Männerchorsatz), und nichts läge dann näher als »Gaudeamus igitur«. Schließlich werden noch andere Mittel als die menschlche Singstimme eingesetzt, um die Aussage zu verdichten, bis es zu einem höchst überraschenden Ende kommt.

Die Schaffnerin aus Liebe:

Ouvertüre: Muss man haben, sonst fängt´s ja nicht an.

Arie (Anna Donner): Mit der Schaufel und dem Besen. Raumpflegerin, mit sich und der Welt zufrieden. Wie das? »Nach dem Wasser und der Schmierseif´ ich dazwischen dann zum Bier greif´« – ja dann!

Rezitativ (Sarastrovic): Da schrubbt sie ja, die süße Biene. Er mag die Putzfrau und möchte sie dienstlich an sich binden (vermutlich auch sonst).

Arie (Sarastrovic): Ich mache sie zur Schaffnerin. Er entwickelt eine »Su-per-i-dee«.

Rezitativ (Anna Donner, Sarastrovic): Da ist sie ja, die schönste aller Putzfrauen. Chef packt Idee aus, Putzfrau ist perplex.

Rezitativ (Anna Donner, Selim Bassa): Na servas. Arbeitskollege aus Beitrittsland wird informiert.

Duett (Anna Donner, Selim Bassa): Er will mich, ja er will mich. Man überlegt, was die Motive des Oberstrassenbahners ein könnten – und so besehn soll doch lieber alles beim alten bleiben.

Rezitativ (Anna Donner, Sarastrovic): Aha, die Herrschaften sind fleissig am Putzen. Chef hört: »Wenn ich nicht mehr putzen kann, fang ich gleich zu heulen an.« Chef schnappt ein: »Ich brauch Sie nicht, ich hab jede Menge Schaffnerinnen.«

Chor der Strassenbahner »Heil, Sarastrovic sei Heil. Na bitte – und vor allem: Wer teilt gnädig zum Dienst uns ein? Unser Lohn sei Dienst am Kunden. Denn der Ruf der Verkehrsbetriebe fängt bei uns, den Schaffnern an.«

Rezitativ (Anna Donner): »Jetzt ist er böse auf mich«. Sie putzt gleichmäßig weiter und findet eine Streckenkarte

Arie (Anna Donner): »Dies Bildnis ist bezaubernd schön.« Wahrscheinlich hält sie es verkehrt!

Rezitativ (Anna Donner, Selim Basa): Was is los? Jetzt käme das Angebot, Schaffnerin zu werden ganz recht – der Besitzer der Streckenkarte wäre dann leichter zu finden!

Arie (Papa Gheno): Sehr geehrter Herr Sarastrovic! Na so was – just heute beschwert sich der Stadtrat Gheno, dass sein Sohn eine Streckenkarte verloren hat und sie »in diesem Saftladen« nicht und nicht gefunden werden kann!

Duetto con Terzetto con Recitativo con Coro (Anna Donner, Papa Gheno, Sarastrovic, Chor): Sie sind doch hier der Capo. Sehr erregter Wortwechsel zwischen Strassenbahner und Kunde, dazwischen kommt noch Anna Donner, um etwas zu fragen. Sarastrovic holt seine Schaffner-Truppe zu Hilfe.

Recitativ (Sarastrovic): Danke, das genügt. Er zeigt seinen Leuten, was sie suchen sollen – eine Streckenkarte (Anna Donner hat ganz zufällig eine in der Hand, wie praktisch).

Chor Suchen wir den Dingsda. Die SchaffnerInnen sind bereit, »kein Aufwand ist uns zu hoch für unsern Chef.«

Recitativ (Anna Donner, Selim Bassa, Bassena): Düster für Frau Donner – aber Bassena, die Tochter von Selim Bassa, hat eine Idee: der Stadtrat Gheno hat ihr neulich schöne Augen gemacht und da kann sie ihn bitten, auf Sarastrovic einzuwirken (puncto Umschulung auf Schaffnerin).

Cavatina duplex (Bassena, Papa Gheno): Moment, Herr Stadtrat, nicht so schnell. Sie sagt es ihm – und er (so sind Männer) will halt auch vielleicht möglicherweise quasi einmal was von ihr…

Recitativo accompagnato (Mama Gheno): Aha – was macht mein lieber Mann denn da? Die handfeste Dame hat alles durchschaut – und erklärt es ihrem etwas verlegenen Mann.

Arie (Tom Gheno): Er ist sehr verliebt und bringt fast kein Wort heraus – und dann kommt plötzlich eine Schreckensmeldung.

Finale (alle): Immer wenn es schneit, sind wir nicht bereit. Alle Beteiligten sind sich einig im Kampf gegen die Elemente – er findet nämlich nicht statt; die wackeren Strassenbahner zählen genau auf, welche Straßen keinesfalls schneegeräumt werden. »Auch die Fussgänger haben durch den Schnee sich selbst zu graben! Es ist nicht unsre Pflicht, zu sorgen, dass kein Haxen bricht.«

Sebastian Klingenberg – Tom Gheno: Wurde als 12. von 11 Kindern im vorigen Jahrhundert in Sangbach an der Klingen geboren. Schon im Mutterleib machte der kleine Sebastian auf sich aufmerksam, das Strampeln und intrauterine Zappeln war von einer solch musikalischen Präzision, dass sogar Wettbewerbe veranstaltet wurden, bei denen anhand der rhythmisch hervortretenden Beulen am Mutterbauch die gerade geturnten Lieder erraten werden mussten. Man erwartete nun mit grosser Spannung das neue Genie und die Niederkunft wurde mit Ungeduld herbeigesehnt. Es hätte alles so grandios werden können, wäre nicht der kleine Sebastian bei der Verteilung der Schönheitsgene irgendwie »vergessen« worden. »Es zählt nur das Innere, Sebastian« hört er noch heute seine Mutter beschwichtigend auf ihn zureden; »Halt die Klappe, was weisst du denn schon« hört er sich noch heute sagen. Jaja, die Welt ist grausam und die Menschheit oberflächlich und gemein. Da Sebastians Genie nie wirklich anerkannt wurde, beschloss er in der Hauptschule, etwas richtiges »cooles« zu machen und wurde Rocksänger. Die müssen bekanntlich nix gleich schauen. Es gelang ihm, bei einer renommierten Castingshow im Fernsehen als Vorletzter der »Leider Nein« Kandidaten nicht zu Überzeugen. Seitdem ist er Programmdirektor des größten österreichischen Radiosenders.


Faschingskonzert
11./17. Feber 2004
WOCHE KLAGENFURT

Pointierte Plagiate statt Madrigale

Der Kärntner Madrigalchor bringt beim Faschingskonzert ungewöhnliche Werke.

Am Donnerstag, 19. Februar singt der Madrigalchor ab 19.30 Uhr im Konzerthaus Klagenfurt ein Faschingskonzert – das vom ORF übertragen wird. Nach dem großen Erfolg der Faschingskonzerte 2003 veranstaltet der Kärntner Madrigalchor Klagenfurt wieder Chor-Orchesterkonzerte mit musikalischen Parodien von dem für seine Plagiate bekannten Wiener Komponisten und Domorganisten Peter Planyavsky, als Kontrapunkt zum sonstigen Faschingsgeschehen im Lande.

Die Besonderheit des heurigen Programms: eine Uraufführung einer erst kürzlich wiederentdeckten Kantate von P.P.Bach mit dem vielversprechenden Titel: »Cactus Tragicus«. Man darf auf Überraschungen gefasst sein… Weiters eine Mozart-Operette, die »Schaffnerin aus Liebe«.  Mozartkenner werden da so manche bekannte Melodie in etwas anderem Gewand kennenlernen. Ausführende: Gertraud Schmid, Bernd Hemedinger, Gerd Kenda, Karin Prenner, Gabriel Lipus, Reinhard Blaschitz, das Kärntner Faschingsorchester- KÄFOR, Dirigent Peter Planyavsky und der Kärntner Madrigalchor Klagenfurt unter Klaus Kuchling.

CNK